Buchkritik: „Baba Dunjas letzte Liebe“ von Alina Bronsky

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„Baba Dunjas letzte Liebe“ von Alina Bronsky verspricht vieles, hält aber wenig. Da wäre zum einem das Setting: Baba Dunja, die Protagonistin, lebt in dem Dorf Tschernowo, das in der Todeszone rund um Tschernobyl liegt. In diesem Niemandsland leben noch andere Heimkehrer, die versuchen, abseits der Gesellschaft zu leben. Die Hoffnung, hier wieder ein Dorf nach altem Vorbild aufbauen zu können haben sie unlängst aufgegeben. Das einst dichte soziale Geflecht des Dorfes wurde durch ein loses Gefüge von Schicksalen ersetzt. Man spürt vage deren Verzweiflung in Angesicht des eigenen Zerfalles, der sich im Zustand des Dorfes widerspiegelt. „Vage“, denn die Erzählung geht hier nie in die Tiefen und so kommt es, dass die wenigen Figuren, die auftauchen, zu simpel und flach wirken. Einzig die Atmosphäre, die aufgebaut wird, lässt auf Tiefe hoffen, die nie in Erscheinung tritt.

Dass der Roman an seiner düsteren Stimmung nicht erstickt, liegt an Baba Dunja. Denn selbst als alte Frau hat sie immer noch einen optimistischen Ausblick auf das Leben. Dank der Ich-Erzählung färbt dies glücklicherweise auf die trostlose und traurige Handlung ab, weshalb man es relativ rasch durch 154 Seiten schafft. Das ist umso beeindruckender, weil Wiederholungen und einige flache Satzkonstruktionen stören.

Leider ist der Plot dramaturgisch unbefriedigend. Während realistische Handlungsverläufe ihre Vorzüge haben, macht es dieser Roman den Lesern schwer, Erwartungen aufzubauen. Das bedeutet nicht, dass kein Spannungsbogen vorhanden ist, doch die Kürze der Szenen und die gelegentlich abgehackt wirkende Erzählweise der Protagonistin sorgen dafür, dass nichts davon ein befriedigendes Ende nimmt. Allem, was Dramatik verspricht – vom Mord hin zur Gefängnisstrafe – mangelt es an Gewicht, an Bedeutung und Schlagkraft. Stattdessen wirken diese Ereignisse seicht, unbedeutend und nebensächlich. Dabei sind die Spuren eines wirklich guten Romans hier klar zu spüren, nur werden die Versprechen nicht eingehalten.

Die größte Sünde des Romans dürfte sein, das eigene Potenzial verkannt zu haben. Statt das Setting auszubauen, die Figuren konkreter darzustellen und der Handlung die Dynamik zu zugestehen, die sie verdient hätte, wirkt hier alles unfertig und lückenhaft. Alina Bronskys lesenswerter Schreibstil kann dies auch nicht retten und so fragt man sich als Leser am Ende der 154 Seiten, was das ganze eigentlich sollte. Schade, denn Baba Dunjas Geschichte hätte mehr verdient.

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Eingeordnet unter Literatur

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