Writing Prompt #1

Nachdem ich die ersten Korrekturen meines aktuellen Romanes abgeschlossen habe, will ich mich ein wenig an Writing Prompts versuchen. Hier werden einige Stichwörter vorgegeben, damit man eine Geschichte von 1.000 Wörtern oder mehr schreibt. Bis Ende des Monats werde ich versuchen, mehrere Geschichten so zu schreiben und hier online zu setzen. Hier kommt die erste Runde!

Writing Prompt:

This story involves a cult, a restaurant, a skeleton, and an inheritance.

Panisch wühlten meine Hände durch den Haufen unsortierten Krimskrams, der sich stets im Hinterzimmer meines Antiquitätenladens anhäufte. Es war für mich immer besonders schwierig gewesen, das Wertvolle vom absoluten Müll zu unterscheiden, was keine gute Voraussetzung gewesen war, um einen Antiquitätenladen zu eröffnen. Aber manche Menschen bevorzugen es eben, abends zu hungern und zu meiner eigenen Überraschung kam es in meinem Fall weniger oft vor, als es mir von allen Seiten prophezeit wurde. Ich schob einen Satz Bücher zur Seite und plötzlich blickten mich die leeren Augenhöhlen eines Schädels an. Mein Freudenschrei hätte bestimmt jeden vermeintlichen Beobachter nervös gemacht. Meine Hände legten sich sanft um den Schädel, so als könnte er zerbrechen, und hob ihn, zusammen mit dem Rest seines knochigen Körpers, aus dem Haufen Müll heraus. Selten war ich so erfreut darüber gewesen, ein Skelett zu sehen, wie in diesem Moment! Damit gerechnet, dieses alte Familienerbstück – es handelte sich um die Gebeine meines Onkels Harald – jemals wieder zu brauchen, hatte ich nicht. Aber einem Kult von Dämonenanbetern anzugehören, hatte so seinen Preis.

Als ich die Eingangstür zu meinem kleinen Laden abschloss und das Skelett, nackt wie ich es vorgefunden hatte, durch die Gasse schleppte, musste ich mich schon über die merkwürdigen Entwicklungen in meinem Leben wundern. Dazu gehörte nicht alleine die Tatsache, dass ich vor einer Stunde einen Telefonanruf von den Anführern des Dämonenkultes erhalten hatte, dass ihnen noch ein Skelett fehlen würde für die heutige Zeremonie, sondern auch die Art, wie ich dem dämonischen Kult überhaupt beigetreten war. „Die Übergänge sind fließend”, erklärte mir einmal eine kluge Person und das konnte ich mittlerweile bestätigen. Vor einem Monat hatte ich begonnen, nebenbei in einer Bar zu kellnern. Eigentlich ein ganz nettes Etablissement, hatte ich mir zunächst gedacht: Es gab atmosphärische Einrichtungsstücke wie mittelalterliche Waffen, Plastikschädel und sogar Folterinstrumente, die überraschend authentisch wirkten. Eine typische Bar für Metalheads eben, dachte ich mir. Und natürlich gehörten Menschen mit dementsprechenden musikalischen Vorlieben definitiv zur Klientel, doch zu meiner persönlichen Überraschung waren auch andere Gestalten anzutreffen, die es vielleicht ein wenig zu weit trieben. Zumindest dachte ich das damals, als ich herausfand, dass im Hinterzimmer der Bar aus bestimmten Gründen auch Lämmer verkauft wurden. Ich versuchte mir nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen, was dort vor sich ging und entschloss mich, meinen Boss auch nicht darauf anzusprechen.

Vor drei Wochen dann meinte Dorian, also mein Boss, ein übergewichtiger, stets schwitzender Kahlkopf der seinen Zenit längst überschritten hatte, ich müsste eine Lieferung machen und gab mir eine Tüte mit mehreren kleinen Beuteln, in denen sich eine rote Flüssigkeit befand. Da mir keine Methode einfiel, wie ich höflich, aber bestimmt, ablehnen konnte, machte ich mich widerwillig auf den Weg zum Friedhof. Ich fluchte noch über Dorian, als ich den Kirchturm bereits in der Ferne entdeckte. War die Kirche vor hundert Jahren vielleicht noch das höchste Gebäude in der Gegend und damit leicht zu sehen gewesen, so hatte sich dies mittlerweile in sein Gegenteil entwickelt: Die Hochhäuser um die Kirche herum hatten dafür gesorgt, dass diese nur wie eine Art Lücke in der Skyline in Erscheinung trat. Hinzu gesellte sich die Tatsache, dass es eine der wenigen Gotteshäuser in der Gegend war, die einen Friedhof besaßen. Die wenigen, die sich heute noch ein Grab leisten konnten, bevorzugten einen Friedhof der abseits der Megastädte lag. Alle anderen nahmen feierlich ein letztes Säurebad – Der Umwelt zuliebe, denn Einäscherungen sorgten für zu viel Feinstaub. Exzentriker wie Onkel Harald spendeten ihren Körper der Wissenschaft weil sie glaubte, damit die Menschheit voran zu bringen. Ich hatte dabei meine Zweifel gehegt. Vor allem seit ich wusste, dass die Schädel in der Bar gar nicht aus Plastik waren.

Die Anhängerschaft des Kults war schwer zu übersehen: Dunkle Roben, düstere Gesichter und dreckige Langdolche bildeten die Dreifaltigkeit dämonischer Kulte. Eine Person, die nicht dazu passen wollte, eine junge Frau mit dem hübschen Namen Anette – Blonde, gekräuselte Haare, attraktive, stets lächelnde Lippen – nahm dankend die Lieferung entgegen und fragte sogleich, ob ich dem Kult nicht beitreten wollte. „Da lernt man viele interessante Menschen kennen!”, meinte sie und ich blickte verloren in ihre glänzenden Augen. Da ich Junggeselle war, trat ich bei.

Die Tür des Restaurants löste ein Klingeln aus, als ich sie öffnete. Der Treffpunkt war unüblich, normalerweise wurde ich in eine Bar, einen Club oder wenigstens einen Friedhof bestellt. Ein Restaurant – italienisch-vietnamesiches Fusion Food – war da schon eine Premiere. Ich schleppte das Skelett am skeptisch blickenden Kellner vorbei, hin zum Tisch an dem Anette und Gert, der örtliche Gruppenleiter, bereits auf mich warteten. Die langen schwarzen Roben ließen sie eleganter wirken als man es vermutet hatte.

Mit einem lautlosen Gruß setzte ich mich hinzu und posierte das Skelett auf dem vierten Stuhl so, dass man glauben konnte, er würde gemütlich sitzen. Harald hingegen bevorzugte es, nach vorn hin über zu fallen und krachend den Teller vor ihm zu zerscheppern. Gereizt wollte ich ihn wieder aufrichten, doch Anette gebot mir mit einer kleinen Handgeste, es sein zu lassen. Scheinbar hatten sie mehr Erfahrung mit Skeletten, als ich.

„Danke für die Mühe”, meinte Gert und brach damit das Schweigen. Er hatte lange, zottelige Haare und war stets unrasiert. Er hätte als Penner durchgehen können, doch ich wusste dass er Banker war. Eine perfekte Tarnung!

„Gerne! Weshalb sind unsere Vorräte an Skeletten ausgegangen?” Die beiden blickten sich kurz an.

„Es ist eben so eine Phase“ meinte Anette beifällig. Ich nickte eifrig, während ich die Karte studierte.

„Glaubt ihr, ich kann ihn danach zurück haben? Er ist ein Familienerbstück…”

Gert schüttelte seinen Kopf während er den Kellner herbeorderte. „Den Schädel müssen wir zertrümmern und zermalmen.”

„Das ist schade, aber mein Onkel hat schon immer gemeint, dass ein Kopf das Nützlichste an ihm sei.”

Anette lachte so, als hätte ich einen besonders gekonnten Scherz gemacht. Wir bestellten schließlich unser Essen und warteten schweigend bis dieses eintraf. Die Stimmung war bedrückend, nicht zuletzt wegen Onkel Harald. Aber ich war es gewohnt, im Club redete man wenig, außer wenn man zum Rauchen raus ging. Zigaretten stimulierten stets die Gesprächigkeit.

In einem Mini-van bahnten wir unseren Weg zum Friedhof. Mittlerweile verband ich ein Gefühl der Nostalgie damit. Der modrige Geruch, die zerfallenen Gräber und der verschreckte Blick des Priesters, der uns gelegentlich bei unseren Ritualen beobachtete, bildeten eine ganz besondere Atmosphäre. Der kleine Altar, den die Gruppe bereits vor Jahren eingerichtet hatte, war mit zahlreichen Kerzen und künstlerischen Symbolen ausgeschmückt worden. Tobias, der sich darum kümmerte, war immer stolz auf seine Inszenierungen gewesen und ich hegte den Verdacht, dass er eigentlich nur deswegen mitmachte. Leider war Scott heute nicht dabei, weshalb der Livestream ausbleiben musste, was unserer Gemeinde in Süd-Peru nicht gefallen würde. Das würde wieder für rebellisches Aufmucken sorgen, dachte ich mir.

„Hast du das Ziegenblut dabei?”, fragte Anette Tobias. Dieser lächelte und hielt eine Tüte mit Beuteln hervor – Sie war der nicht unähnlich, die ich einst hierher brachte.

In mehreren Ringen verschmierten wir das Blut rund um den Schädel, den wir abgeschraubt und in die Mitte des Altars gelegt hatten. Erst am Ende wurde der Rest Blut über dem Schädel ausgeschüttet, was Onkel Haralds bestes Stück in ein tiefes Braun-Rot tauchte. Nach einigen Gesängen, dessen unverständlichen Texte eine bemerkenswerte Ohrwurmqualität besaßen – Ich summte einige Stücke regelmäßig beim Säubern des Ladens – zerschmetterte Gert den Schädel mit einem Hammer, der meiner Meinung nach für die Angelegenheit eine Einheit zu groß ausgewählt war. Einige Splitter mussten eingesammelt werden und nochmals zerschlagen werden, bevor wir die staubigen Reste zermalmen und in einer Schale verbrennen konnten. Es war ein nettes kleines Schauspiel, das für viel gute Stimmung sorgte. Als die letzte Flamme erlosch machten wir den nächsten Termin aus: Nächste Woche würden wir in der örtlichen Suppenküche mithelfen.

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