Kurzgeschichte: Steter Tropfen

Ich habe sie bereits vor einer Woche angekündigt, hies ist sie dann: Meine erste, sehr kurze, Kurzgeschichte. Sie ist gratis und wird (sobald wie möglich) auch als downloadbare e-pub- und Mobi-Version (ohne Kopierschutz) verfügbar sein. Wer die Geschichte mag und mich unterstützen möchte kann meine Facebook-Seite liken oder sogar ein wenig Geld per Paypal spenden: Donate Button

Außerdem bin ich natürlich für jede Art von Feedback glücklich! Ich sehe diese Kurzgeschichten als eine Möglichkeit, meine Schreibmethode zu verbessern! Aber genug jetzt, nach dem „Jump“ folgt die Kurzgeschichte!

Steter Tropfen

von Sven Wohl

Es sind die Kleinigkeiten im Leben, die einem wirklich auf den Sack gehen können. Ein Hund etwa, der einen jeden Morgen anbellt, selbst nach Jahren des täglichen Vorbeigehens. Busfahrer, die einen nicht grüßen, obwohl man sie mit der eigenen Nettigkeit geradezu überfällt. Meistens sieht man dann wohlwollend darüber hinweg, sind ja bloß Kleinigkeiten, aber einige bleiben dann doch bei einem hängen und setzen sich im Hinterstübchen des komfortabel eingerichteten Hauses der eigenen Gedanken fest. Dann verharren sie dort, bis es Zeit wird, das verdammte Wohnzimmer in Brand zu stecken.

Jeden Morgen stehe ich an einer roten Ampel. Ich weiß ganz genau, dass die Rotphase für Fußgänger gerade einmal 35 Sekunden beträgt. 35 Sekunden, das ist nicht viel, es reicht nicht einmal, um sich ein Fahrticket bei der Bahn zu kaufen. Schon gar nicht, wenn man es beim Schaffner kauft. Aber ich schweife ab. Halten wir fest, dass 35 Sekunden eine sehr überschaubare Zeitspanne darstellen. Im Normalfall.

Es gehörte stets zu meinen Theorien, dass rote Ampeln aus einem Paralleluniversum stammen. Es sind monströse Wesen, die aus ihrer ursprünglichen Dimension geflohen sind – Nein, verjagt wurden! Mit Speeren, Laserkanonen oder etwas ähnlichem. Wieso? Weil sie Zeit fressen und dabei einen schier unersättlichen Appetit an den Tag legen.

Denn ich könnte verdammt noch mal schwören, dass das keine 35 Sekunden sind. Meisten fühlt es sich wie eine Minute an. Ach was, zwei, gelegentlich sogar fünf. Aber ich habe die Zeit gestoppt. Mehrmals, wenn schon, dann wissenschaftlich! 35 Sekunden. Auf den Punkt genau. Das ist nicht viel. Bis man anfängt zu rechnen.

In einer üblichen Arbeitswoche kommen damit 175 Sekunden zusammen. 700 Sekunden im Monat. 8.400 Sekunden im Jahr. Oder, anders formuliert: Ganz genau zwei Stunden und zwanzig Minuten. Während man in 35 Sekunden sehr wenig erledigen kann, sieht das bei zwei Stunden und zwanzig Minuten etwas anders aus. Sie könnten in der Zeit den Film „Apollo 13“ mit Tom Hanks, Bill Paxton und Kevin Bacon schauen. Wenn Sie das noch nicht getan haben. Obwohl – Der Film ist gut, sehen Sie ihn sich einfach nochmal an. Besser noch, kommen Sie nie zu dieser Ampel und ziehen sich einfach den Streifen rein. Jeder mag Tom Hanks, oder?

Du machst dir einfach zu viele Gedanken über Kleinigkeiten“, meinte dazu meine Arbeitskollegin, die neben mir an der Ampel betont lässig eine rauchte, während ich ihr von meinem Ampelproblem vor der Problemampel erzählte. Jemand gesellt sich zu dem Grüppchen, das sich in den ersten 23 Sekunden – ich zähle die Sekunden mittlerweile automatisch im Kopf mit – angesammelt hat und haut auf den Knopf. Nein, Knopf ist der falsche Begriff, es ist eher so eine Handfläche, wo man mit der Hand drauf drückt um zu signalisieren, dass man bitteschön rüber gehen möchte. Dafür gibt es bestimmt einen Fachbegriff! Sogar einen Fachberuf! Problemampeltechniker. Damit gewinnt man auch bei Scrabble.

Jedes Mal, wenn eine Person nach, sagen wir, zehn Sekunden zu einer Gruppe stößt, die vor einer roten Ampel steht, und mit Elan auf den Problemampelsignalisierungsknopf schlägt, würde ich sie am liebsten ebenfalls gegen den Kopf schlagen. „Ganz toll, auf die Idee ist absolut noch keiner gekommen!”, würde ich dann schreien. Die Übernachtung in der Zelle wäre es wert.

Wäre lustig, wenn das Ding gar nicht angeschlossen wäre!“, meinte eines Morgens meine Kollegin zwischen zwei Zügen. Ich schmunzelte, denn es war ein lustiger Gedanke. Doch irgendwo in meinem Hirn spukte daraufhin der Gedanke herum, dass es stimmen könnte, dass dieser Kasten samt Knopf eine Attrappe ist, ein Placebo für Menschen, die dringend über diese Straße gehen wollen. Dass die 35 Sekunden am Tag, 175 Sekunden in der Woche, 700 Sekunden im Monat, 8.400 im Jahr, die Spielzeit von „Apollo 13“, gekürzt werden könnte, wenn das verdammte Miststück von Problemampelsignalisierungsknopf funktionieren würde! Man könnte es auf zwanzig Sekunden am Tag verkürzen, man müsste nur den Deppen von Problemampeltechniker beim Problemampeltechnikdienst rufen, der würde es in Ordnung bringen. Und man müsste nur noch auf 4.800 Sekunden und damit nur auf 80 Minuten, also die Spielzeit von „Cocktail für eine Leiche“, mit James Stewart in der Hauptrolle und mit Alfred Hitchcock als Regisseur, im Jahr verzichten! Der Himmel auf Erden, er ist zum greifen nahe!

Doch der Problemampelknopf wurde stets gedrückt, teils mehrmals. Und da es eine besonders belebte Straße war, konnte man nicht damit rechnen, am helllichten Tag eine normale Ampelschaltung ohne Einfluss der Betätigung des vermeintlich defekten oder als Placebo herhaltenden Problemampelknopfes zur erleben. Um zwei Uhr morgens geschah es, ich hatte mich den ganzen Abend auf die Lauer gelegt, mit Fernglas beide Problemknöpfe observiert und da geschah es endlich: Niemand drückte den Problemampelknopf und trotzdem, nach genau chronometrierten 35 Sekunden schaltete die Problemampel um.

Am Tag darauf fiel meiner Kollegin die Zigarette äußerst unlässig auf den Boden als ich an die Ampel kam. Meine Verspätung hatte ihren Grund, der Vorschlaghammer war wesentlicher schwerer, als ich das erwartet hatte. Als gerade jemand hinzu stieß und auf den Knopf haute, schrie ich mit animalischer Inbrunst auf, legte mein gesamtes Körpergewicht in den Schwung. Es krachte, der Problemampelknopf samt zugehöriger Box knallte auf den Boden, meine Kollegin sprach Scheiße heilig, die Menge wich panisch vor mir zurück.

Stille. Der kleine Kasten lag, zerbeult und halb offen vor mir auf dem Boden. Dann, voller Erwartung mit zittriger Hand, griff ich nach den Überresten, die am Boden verstreut lagen, um Gewissheit zu erhalten.

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